Monday, July 02, 2007

Guadalajara

Kommt aus dem Arabischen und bedeutet soviel wie "Fluss aus Steinen", befindet sich in der nördlicheren Hälfte Mexikos und ist mit 5 oder 6 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt nach Mexiko-City. Wir sind etwas verwirrt. Lässt man die letzten vier Monate nochmal an sich vorüberziehen, fühlt man sich hier in eine andere Welt katapultiert. Sind wir wirklich noch in Mexiko?
Wirtschaftlich geht es dem Norden wesentlich besser. Die Strassen sind sauberer und überdimensionierte Einkaufszentren sprießen an jeder Ecke aus dem Boden. Es ist beeindruckend, wie sich das Bild Mexikos ändert. Abrundend kommt hinzu, dass sich die spanischen Eroberer und Siedler bedeutend weniger mit der indianischen Bevölkerung vermischt hat. Grund für die klare Hautfarbe und die nicht selten blauen Augen.

Man könnte meinen, dass wir ein all-inklusiv-Angebot gebucht haben. Unsere Gastfamilie, die Mutter und Geschwister von Stéphanies Schwägerin, Minerva empfängt uns herzlichst in ihren vier Wänden. Wir lassen uns so richtig verwöhnen. Eine äußerst angenehme Abwechslung nach vier Monaten Selbstversorgung. Teresa, die Mutter, führt uns durch kulinarische Feinschmeckereien. Jeden Tag gibt es eine neue Spezialität auf dem Tisch. Ob selbstgemachte Enchiladas, in Chilisoße getränkte Tortillas mit Rindfleisch gefüllt und mit Salat, Käse und Soße verfeinert, oder betrunkenes Huhn, in Biersoße gekochtes Hähnchenfleisch mit leckeren Bohnen, Sahne und Tortillas, oder ein schmackhafter Schrimpscocktail. Unser Gaumen erquickt sich an den erlesenen, würzigen Speisen. Nach einer Chiliüberdosis erfrischt man sich mit kühlendem Wasser aus Tamarindofrüchten, Jamaicablättern oder Papayafrucht. Es ist ein Traum!

Nach einer ordentlichen Stärkung geht es auf tatsächliche Reise. Teresa führt uns durch das historische Zentrum und über die Märkte. Am Wochenende fahren wir aufs Land, nach Atotonilco, wo wir einen Teil der 14-köpfigen Familie kennenlernen. Das sollte doch mal kurz erwähnt werden: der 88-jährige Großvater zählt 13 Kinder, 42 Enkel und 19 Urenkel! Doch an all die Namen konnte er sich nur mit Einflüstern erinnern.

Zu guter Letzt dürfen wir noch eine Lucha Libre erleben. Es ist eine mexikanische Form des Catch und ähnelt dem amerikanischen Wrestling. Ein Showkampf, wo es nicht wirklich um einen Gewinner geht. Was zählt, ist die Stimmung. Das Bier fließt literweise, es wird geraucht und man isst frittierte Schweinehaut (Chicharron) oder Chips in Chilisoße. Ziel des ganzen Abend ist soviel und so laut wie möglich zu beschimpfen. Entweder die Kämpfer im Ring, man sucht sich seinen Favoriten nach Lust und Laune aus, das Publikum auf der gegenüberliegenden Seite, oder seinen Sitznachbarn. Besonders beeindruckend sind die Gesänge zwischen den teuren und billigen Sitzplätzen: "Pobres, pobres, chingan a sus madres!". Schwer haben es auch die übergewichtigen Frauen, die eine ständiges "Chichi de vaca" über sich ergehen lassen müssen. Geantwortet wird mit dem Stinkefinger, "Hijo de puta!" oder einfach nur "PUTO!". Doch keine Bange: das ist reiner Spaß. Danach klatscht man sich in die Hände, stößt an und nimmt einen tiefen Schluck Bier aus seinem Plastikbecher.

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